Spirituelle Sprüche über die Seele lassen sich am sichersten weitergeben, wenn sie aus einem Werk stammen, das du nachschlagen kannst: aus der christlichen Mystik, aus Rumis Masnawi, aus Upanischaden, Bhagavad Gita oder buddhistischen Lehrreden. Was dort „Seele“ heißt, unterscheidet sich je nach Tradition so stark, dass der Buddhismus mit der Lehre vom Nicht-Selbst sogar eine Gegenposition vertritt.
Hier findest du spirituelle Zitate über die Seele mit Werk und Fundstelle, je Tradition eine kurze Einordnung und den Befund zu Sätzen, die unter berühmten Namen kursieren.
Aktualisiert : Zitate und Fundstellen nachgeschlagen.
Das Wichtigste in Kürze
- „Zwey Augen hat die Seel“ dichtete Angelus Silesius im Cherubinischen Wandersmann (III, 228), eines schaut in die Zeit, das andere in die Ewigkeit (Wikiquote zu Angelus Silesius).
- Teresa von Ávilas Buch über die innere Burg (geschrieben 1577) beschreibt laut Wikipedia einen Glaubensweg durch sieben Wohnungen der Seele bis zur Vereinigung mit Gott (Wikipedia, Teresa von Ávila).
- „We carry inside us the wonders we seek outside us“ führt Wikiquote bei Rumi unter „Misattributed“; laut Wikiquote steht der Satz fast wörtlich in Thomas Brownes „Religio Medici“ von 1643 (Wikiquote zu Rumi).
- „We are what we think“ führt die englische Wikiquote unter falsch zugeschriebenen Buddha-Zitaten (Wikiquote zu Buddha); laut Bodhipaksa ist der Satz Thomas Byroms freie Nachdichtung (1993) des ersten Dhammapada-Verses (Tricycle).
- Den Satz von den „spirituellen Wesen, die eine menschliche Erfahrung machen“ führt Wikiquote als umstritten („Disputed“): Zwei Bücher von 1993 schreiben ihn Teilhard de Chardin bzw. Gurdjieff zu, beide ohne Quelle (Wikiquote zu Teilhard).
Christliche Mystik: Bei Angelus Silesius hat die Seele ein Auge für die Zeit und eines für die Ewigkeit
In den Texten der christlichen Mystik in diesem Abschnitt steht die Seele im Verhältnis zu Ewigkeit und Gott; bei Teresa von Ávila wird daraus weiter unten das Bild einer Burg. Verse und Predigten der Mystik liegen gedruckt vor, deshalb lässt sich ihr Wortlaut prüfen, anders als bei Sätzen ohne Quelle, die als spirituelle Lebensweisheiten im Netz kursieren.
Der schlesische Arzt und Dichter Angelus Silesius (1624 bis 1677, eigentlich Johannes Scheffler) schrieb dazu Zweizeiler. Zwei davon aus dem „Cherubinischen Wandersmann“ führt die deutsche Wikiquote mit Quellenangabe:
„Zwey Augen hat die Seel: eins schauet in die Zeit / Das andre richtet sich hin in die Ewigkeit.“ (Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann III, 228, „Die Augen der Seele“)
„Mensch werde wesentlich: denn wann die Welt vergeht / So fällt der Zufall weg / das wesen das besteht.“ (Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann II, 30, „Zufall und Wesen“)
Der erste Vers eignet sich als Frage für den Abend: Worauf hat dein Blick heute geschaut, auf Termine oder auf das, was dir dauerhaft wichtig ist? Der zweite unterscheidet das Zufällige vom Wesentlichen; Der „Zufall“ steht im Vers dem „wesen“ gegenüber, also dem, was besteht, wenn die Welt vergeht.
In Hildegard von Bingens Werk „Wisse die Wege“ steht der Satz, den die Wikiquote-Seite zu Hildegard unter „Überprüft“ führt:
„Drei Pfade hat der Mensch in sich, in denen sich sein Leben tätigt: die Seele, den Leib und die Sinne.“ (Hildegard von Bingen, Wisse die Wege; Übersetzer bei Wikiquote nicht genannt)
Von Meister Eckhart sind Predigten überliefert, in denen das göttliche Licht in die Seele dringt. Die englische Wikiquote zitiert aus Predigt VII in der Übersetzung von Claud Field (1909) den Satz „When the Divine Light penetrates the soul, it is united with God as light with light“ (Wikiquote zu Meister Eckhart). Sinngemäß auf Deutsch, aus dem Englischen zurückübertragen und damit nicht Eckharts eigener Wortlaut: Dringt das göttliche Licht in die Seele, wird es mit Gott eins wie Licht mit Licht.
Teresa von Ávila: Die Seele als Burg mit sieben Wohnungen
Das Buch der spanischen Karmelitin Teresa über die „Wohnungen der inneren Burg“ entstand 1577 und erschien 1588. Es geht auf eine Vision zurück: Nach dem Bericht ihres früheren Beichtvaters Fray Diego sah Teresa die Seele als Kugel aus Kristall in Gestalt einer Burg mit sieben Wohnungen; in der siebten, innersten wohnte der „König der Herrlichkeit“. Der Weg durch die Wohnungen steht für einen Glaubensweg in sieben Stufen, der in der Vereinigung mit Gott endet (nach Wikipedia, Teresa von Ávila).
Wie Philosophie und Spiritualität außerhalb der Mystik die Seele verstehen, haben wir in einem eigenen Beitrag zusammengefasst.
Rumi: In einer Masnawi-Stelle (I, 3213 bis 3215) ist der Anschein von Vollkommenheit die schlimmste Krankheit der Seele
Dschalal ad-Din Rumi (1207 bis 1273) war Dichter und Sufi-Mystiker. Die englische Wikiquote belegt aus seinem Masnawi (Buch I, Verse 3213 bis 3215, englisch von Helminski, 1990) einen Satz über die Seele (Wikiquote zu Rumi):
„Es gibt für die Seele keine schlimmere Krankheit, du Stolzer, als diesen Anschein von Vollkommenheit.“ (Rumi, Masnawi I, 3213 bis 3215, freie Wiedergabe nach der englischen Übersetzung)
„Krankheit“ ist hier ein Bild für den Anschein von Vollkommenheit, den der angesprochene Stolze pflegt. Als Frage an dich gelesen: Wo spielst du gerade Perfektion vor, statt eine Schwäche zuzugeben?
Drei Rumi-Sätze ohne Fundstelle
Drei Sätze, die mit Rumis Namen kursieren:
- „Wir tragen die Wunder, die wir draußen suchen, in uns.“ Die englische Fassung („We carry inside us the wonders we seek outside us“) führt Wikiquote unter „Misattributed“; laut Wikiquote steht der Satz fast wörtlich in Thomas Brownes „Religio Medici“ (1643) und wurde in einer Spruchsammlung von 2006 Rumi zugeschrieben.
- „Die Liebe ist der Schlüssel zum Universum.“
- „Die Wahrheit, die du suchst, ist bereits in dir.“
Die beiden letzten Sätze haben wir in der ausgewerteten Wikiquote-Sammlung zu Rumi (Stand Oktober 2026) weder unter den belegten noch unter den falsch zugeschriebenen Zitaten gefunden. Teile sie deshalb als Spruch, Urheber unbekannt.
Upanischaden und Bhagavad Gita: Laut Gita-Vers 2,22 wechselt das Selbst den Körper wie ein Kleid
Ein Schlüsselbegriff ist hier Ātman, das Selbst. In der Chandogya-Upanischad (6.8.7) steht der Satz „Tat tvam asi“, traditionell übersetzt mit „Das bist du“. Uddalaka spricht ihn zu seinem Sohn Shvetaketu, als Kehrreim am Ende mehrerer Abschnitte. Die Übersetzung ist umstritten: Die Indologen Brereton und Olivelle lesen ihn als „So bist du, Shvetaketu“. Die Schule des Advaita Vedanta deutet ihn als Einheit von Ātman und Brahman, andere Schulen lesen ihn anders; die Upanischad selbst nennt an dieser Stelle Brahman nicht (Wikipedia, Mahāvākyas).
In der Bhagavad Gita, Kapitel 2, Vers 22, vergleicht Krishna den Körper mit Kleidung. Die englische Wikiquote führt den Vers in der gereimten Übertragung von Carl E. Woodham (Wikiquote zur Bhagavad Gita). Frei ins Deutsche übertragen:
„Wie du frische Kleider anziehst und die getragenen ablegst, so tauschst du deinen Körper gegen einen frischen, neugeborenen.“ (Bhagavad Gita 2,22, freie Wiedergabe nach Woodhams gereimter Übertragung)
Der Vers setzt den Glauben an Wiedergeburt voraus. Als Trostspruch nach einem Todesfall passt er deshalb nur, wenn die trauernde Person diesen Glauben teilt; sonst eignen sich tröstende Sprüche für die Seele und das Leben ohne religiöse Voraussetzung besser.
Buddhismus: Die Lehre vom Nicht-Selbst bestreitet eine dauerhafte Seele
Wer im Buddhismus nach Sprüchen über die Seele sucht, stößt auf eine Gegenposition. Anatta, das Nicht-Selbst, ist nach Wikipedia das Fehlen eines bleibenden, sich nie wandelnden Selbst. Was wir als Person erleben, setzt sich danach aus fünf Daseinsgruppen (Skandhas) zusammen: Körper, Empfindungen, Wahrnehmungen, Geistesformationen und Bewusstsein. Einen festen Kern hinter ihnen gibt es nach dieser Lehre nicht. Einzelne Mahayana-Schriften (Tathagatagarbha) sprechen laut demselben Wikipedia-Artikel allerdings von einer verborgenen Buddha-Natur in jedem Wesen als „wahrem Selbst“.
Dazu passen die letzten Worte, die die deutsche Wikiquote zu Siddhartha Gautama unter „Überprüft“ führt:
„Alles Geschaffene ist vergänglich. Strebt weiter, bemüht euch, unablässig achtsam zu sein.“ (Buddha, Letzte Worte, Digha Nikaya 16.6; Übersetzer bei Wikiquote nicht genannt)
Auf derselben Seite steht Strophe 183 des Dhammapada, die die Lehre in drei Schritten zusammenfasst: „Von allem Bösen abzustehn, Das Gute zu vermehren stets, Zu läutern seinen eignen Geist: Das ist der Buddhas Lehrgebot.“ (Übersetzer bei Wikiquote nicht genannt) Statt von der Seele spricht der Vers vom Geist, den es zu läutern gilt.
Buddha-Worte: belegt oder nur zugeschrieben
Als Buddha-Wort kursiert: „Das, was du denkst, bist du. Das, was du bist, strahlst du aus. Das, was du ausstrahlst, ziehst du an.“ Die englische Wikiquote zu Buddha führt eine ähnliche Fassung („We are what we think … With our thoughts we make the world.“) unter „Misattributed“. Als Herkunft nennt Wikiquote die Fassung von T. Byrom (1993) und findet für diesen Wortlaut keine Entsprechung im Pali-Kanon. Nach Bodhipaksa im Magazin Tricycle (2014) ist das Byroms freie Nachdichtung des ersten Dhammapada-Verses: Im Pali geht dort der Geist den geistigen Zuständen voran und formt sie, von einer Welt, die wir mit Gedanken erschaffen, steht im Vers nichts. Vom Ausstrahlen und Anziehen ist in dieser Wiedergabe ebenso wenig die Rede.
Einen echten Vers über Feindschaft führt die englische Wikiquote zum Dhammapada in der Passage zu den Versen 3 bis 5; sie zitiert bei Thanissaro Bhikkhu „Hostilities are stilled through non-hostility: this, an unending truth“. Frei übertragen: Feindschaft endet nicht durch Feindschaft, sondern durch ihr Gegenteil. Im Streit heißt das: Eine Gegenkränkung verlängert den Konflikt.
Die Traditionen im Überblick:
| Tradition | Begriff | Was er meint (Quellen in den Abschnitten oben) |
|---|---|---|
| Christliche Mystik (Teresa von Ávila) | Seele als innere Burg | Sieben Wohnungen, in der innersten nach dem Bericht Fray Diegos der „König der Herrlichkeit“; der Weg endet in der Vereinigung mit Gott |
| Upanischaden | Ātman | Das Selbst; im Advaita Vedanta eins mit Brahman |
| Buddhismus | Anatta (Nicht-Selbst) | Nach der Lehre kein dauerhaftes, unveränderliches Selbst, nur fünf Daseinsgruppen; einzelne Mahayana-Schriften (Tathagatagarbha) sprechen laut Wikipedia von einer Buddha-Natur als „wahrem Selbst“ |
Ein spirituelles Zitat über die Seele gehört zu seiner Tradition. Teresas Burg und die Advaita-Deutung des „Tat tvam asi“ suchen das Selbst im Inneren, die buddhistische Lehre vom Nicht-Selbst bestreitet ein bleibendes Selbst. Nebeneinander auf einer Karte ohne Herkunft wirken solche Sätze, als sagten alle dasselbe. Wir empfehlen dir, beim Teilen neben dem Namen auch Werk und Tradition anzugeben. So bleibt sichtbar, ob ein Satz von Gott, von Wiedergeburt oder von Vergänglichkeit spricht.
Spirituelle Sprüche über die Seele weitergeben: Werk und Tradition gehören dazu
Ein Satz, der im Netz unter dem Namen Teilhard de Chardin geteilt wird, lautet: „Wir sind nicht menschliche Wesen, die eine spirituelle Erfahrung machen, sondern spirituelle Wesen, die eine menschliche Erfahrung machen.“ Die englische Wikiquote zu Teilhard de Chardin führt ihn unter „Disputed“, also umstritten: Das Buch „The Joy of Kindness“ (1993) schreibt ihn Teilhard zu, ein Buch von Moira Timms aus demselben Jahr G. I. Gurdjieff, beide ohne Quelle.
Heinrich Heines Satz „In uns selbst liegen die Sterne unseres Glücks.“ hat eine Fundstelle: Die deutsche Wikiquote zu Heine führt ihn aus seinen Memoiren (1854). Er verlegt den Glücksstern nach innen.
Drei Angaben machen ein spirituelles Zitat nachprüfbar:
- Die Tradition: christliche Mystik, Sufismus, Upanischaden oder Buddhismus.
- Werk und Stelle, etwa „Cherubinischer Wandersmann III, 228“ oder „Masnawi I, 3213“.
- Bei Übersetzungen den Übersetzer, soweit die Quelle ihn nennt, denn Woodhams gereimte Gita klingt anders als eine wörtliche Fassung.
Kurze Denkanstöße aus Philosophie und Literatur findest du bei den spirituellen Sprüchen mit geprüfter Herkunft. Sätze, die als Weisheiten indigener Völker geteilt werden, prüfen wir im Beitrag zu indianischen Weisheiten über die Seele.
Bevor du einen Vers aus einer Tradition teilst, die dir fremd ist, lies die Zeilen davor und danach. Bei Silesius und Teresa sind Ewigkeit und Gott mitgemeint, in der Gita die Wiedergeburt, in Buddhas letzten Worten die Vergänglichkeit. Ein Satz, der diesen Rahmen verliert, sagt am Ende etwas anderes als im Original.

